Leseproben
„Du bist tot, Kassandra“, hatte Sheyn damals gesagt und auf etwas Blutiges gedeutet, das auf der Straße lag. Dass es Kassandras Körper war, hatte den Anblick nicht attraktiver gemacht und sie hatte sich abwenden müssen. „Möchtest du tot bleiben?“
„Ich bin nicht tot“, hatte sie stur widersprochen und war näher an die fleischige Masse herangetreten, die einmal ihr Körper gewesen war. Der fremde Mann namens Sheyn war ihr gefolgt und hatte ihr beruhigend auf den Rücken geklopft, als sie sich bückte, um sich zu übergeben. Aber anstelle von Mageninhalt war nur grüner Schleim auf den Boden getropft.
„Oh Gott“, hatte Kassandra gestöhnt.
„Ektoplasma“, war Sheyns Erwiderung gewesen und er hatte ihr das lange schwarze Haar aus dem Gesicht gehalten, als der zweite Schwall Schleim aus ihrem Mund geschossen war. „Wie ich bereits sagte, du bist tot. Ein Geist. Geister sind nicht mehr zu körperlichen Aktivitäten fähig.“
„Das heißt, ich kann nicht einmal mehr kotzen?“, hatte sie schwach gemurmelt und sich mit dem Handrücken über den Mund gewischt. Er war nicht nass oder schleimig gewesen, sondern zu ihrer Überraschung vollkommen trocken.
„Du kannst gar nichts mehr tun, außer in den Träumen deiner Angehörigen herumzuspuken und Schleim auf Geisterseher tropfen zu lassen.“
„Und wer bist du? Der fröhliche Todesengel?“, hatte Kassandra gemurmelt, die noch versuchte, sich wieder in den Griff zu bekommen.
„Ich bin dein Freifahrschein zurück ins Leben.“
Sheyn hatte leise gelacht und sich einige abstehende Haare seines dünnen Schnurrbartes glatt gestrichen .
„Wie?“, hatte sie nur heraus gebracht und ihm in die Augen gesehen, in denen Flammen tanzten.
Er hatte die Hand ausgestreckt und sich dem genähert, was einmal Kassandras Brustkorb gewesen war. Bevor sie hatte reagieren können, war sie darin verschwunden und mit einem zuckenden Etwas wieder auf getaucht. Nach dem Anblick ihres eigenen zerschmetterten Körpers war das zuviel gewesen. Kassandra hatte abermals würgen müssen, aber der Gedanke an weiteres Ektoplasma ließ sie sich zusammenreißen.
„Ich bin ein Djinn“, war Sheyns Erklärung und er hatte ihr Herz höher gehalten, bis es direkt vor ihren Augen weiterpochte. „Ich erfülle Wünsche, die aus dem Herzen kommen.“
„Und was willst du von mir?“, hatte sie gehaucht, ohne den Blick von ihrem eigenen Herzen abwenden zu können.
„Wünscht du dir etwas?“
‘Leben!’, hatte es in ihr auf geschrien. ‘Gib mir das Leben zurück!’ Sie hatte sich sich auf die Lippen gebissen. Da war kein Schmerz gewesen. Jegliches Gefühl hatte sie wohl mit dem Abstreifen ihres Körpers verloren.
„Es kostet dich nur dein Herz, Kassandra.“ Sheyns Stimme hatte etwas Tiefes, Lockendes angenommen. „Ich gebe dir dein Leben zurück und mehr noch: du erhältst Kräfte, um die du mich freiwillig niemals bitten könntest. Alles, was ich dafür verlange ist dein Herz und ab und zu ein kleiner Gefallen.“
„Wie soll ich leben, ohne Herz?“ Die Frage war mühsam hervorgebracht.
„Oh, keine Sorge, dein kleines Organ kannst du wiederhaben. Ich behalte nur die Kraft darin.“ Er hatte die Hand bewegt und der pochende Klumpen Fleisch war zu einem glühenden Funken geworden, der über Sheyns Handfläche schwebte. „Die Essenz sozusagen. Das bedeutet nichts weiter, als dass du es nicht weitergeben darfst. Kein ‘Ich liebe dich’, keine Berührung, die nur dazu dient, deinem Liebsten näher zu kommen.“ Der Djinn hatte den Funken auf seiner Hand nachdenklich betrachtet und sanft dagegen geblasen. Kassandra hatte Sheyns Handgelenk gepackt. „Lass das!“, war es ihr zischend entwichen, aus Angst, dass der Funke erlöschen würde.
Sheyn hatte nur gelacht. „Ich habe Liebe immer schon für kompliziert und unnötig gehalten. So gesehen, tue ich dir einen Gefallen.“
Kassandras Finger hatten sich von seinem Handgelenk gelöst. „Keine Liebe?“, hatte sie gefragt. „Für mein Leben?“
„Für noch viel mehr als das.“
Kassandra hatte auf den Funken gesehen – und genickt.